"Weinstraßen" in Mitteldeutschland

|   Gartenkunst

Viele Weinreben nebeneinander in einer Straße - eine "Wein-Straße"! Jahrelang kannte ich nur eine, nämlich in Freyburg / Unstrut / Sachsen-Anhalt. Beim Forschen in der Vergangenheit stieß ich auf viele, viele Beispiele in unserer Region!

Viele Jahre habe ich immer wieder die oben abgebildete "Weinstraße" in Freyburg besucht. Sie ist wohl aber gar nicht so alt, sondern wurde erst um ca. 1990 angelegt. Die Reben werden allesamt von EINEM Winzer gegen den "Echten Mehltau" gespritzt, der einzelne Hauseigentümer muss also in dieser Frage nichts tun. Zwar wurden überwiegend pilztolerante Sorten gesetzt, aber hier im Weinbaugebiet (Saale-Unstrut) ist der Befallsdruck bezüglich Mehltau schon recht hoch, so dass das zusätzliche "Spritzen" als Vorsichtsmaßnahme eingesetzt wird.

Freyburg hat neben den Weinstöcken in jener Straße noch viele weitere Hausreben, allerdings dann nicht so dicht an dicht, also nicht Rebstock neben Rebstock, sondern vereinzelter. Die kompakte Anordnung von Rebstöcken in der "Kleinen Oberstraße" stellt schon etwas Besonderes dar, für mich ist es ein Stück "Gartenkunst". Ich habe immer wieder in anderen Städten nach ähnlichen Arrangements gesucht, aber keine gefunden. Bei der Suche nach alten Postkarten mit Weinreben jedoch stieß ich plötzlich auf lauter Motive a la "Freyburg / Unstrut". Überall in kleinen Städten hier rings um Leipzig gab es um 1900 diese "Weinstraßen"! Das hat mich verblüfft, es war auch für mich als Weinreben-Kenner eine überraschende Erkenntnis. Aus dem Habitus der Begrünungen auf den Bildern kann ich erkennen, dass es sich tatsächlich um Weinreben handelt, denn Spalierobstbäume wie Birne oder Apfel sehen anders aus. Solche Spalierobst-Begrünungen werden hier, in diesem Blog-Beitrag gar nicht behandelt, das wäre ein extra Thema...

In Freyburg werden alle Reben an Drähten geführt, und in diesem Städtchen habe ich viele Anregungen zu den sogenannten "Seilsystemen" bei FassadenGrün gewonnen. Meine Vorschläge, wie Reben an Drahtseilen geführt werden können, stammen im Wesentlichen aus Freyburg und Umgebung, also dem Weinbaugebiet "Saale-Unstrut". Auch auf vielen der historischen Postkarten wachsen die Reben an Draht-Spalieren, es kommen jedoch genau so oft Holzspaliere vor. Das wurde also von Ort zu Ort oder von Region zu Region verschieden gehandhabt.

Bisher ist es mir nicht gelungen, einen zeitlichen Höhepunkt für die Verbreitung solcher "Weinstraßen" zu definieren. Die meisten der von mir jetzt erworbenen Postkarten, Fotografien und sonstigen Darstellungen stammen aus der Zeit von 1890 bis 1920. Spätere Darstellungen derselben Straße zeigen oft keine Weinspaliere mehr. Ich vermute, dass diese Art Weinbau dann wegen Mehltau oder auch mangels Fachwissen (Schnitt und Pflege) eingestellt wurde. Vielleicht hat auch der Weltkrieg 1914 - 1918 seinen Teil dazu beigetragen, so wie in England in jenen Jahren der Clematis-Boom abrupt zuende ging.

Beim Blick weiter zurück auf dem Zeitstrahl spricht vieles dafür, dass in noch früherer Zeit, also um 1800 oder um 1850 noch mehr Häuser mit Reben begrünt waren als um 1890. Z. B. war die Mehltau-Epidemie noch nicht ausgebrochen, und auch der Bedarf an selbst erzeugten Früchten war womöglich höher als um 1890. Es gibt allerdings nur sehr wenig Darstellungen, die diese These stützen. Z. B. konnte ich für die Stadt Nossen / Sachsen eine große Ansammlung von Weinstöcken um 1850 auf einem Bild finden, wo sich an selber Stelle schon ca. 1900 kein Weinstock mehr befand.

Gegen ein starke Verbreitung von Hausreben VOR 1890 spricht wiederum die Tatsache, dass von vielen Ortschaften, Märkten usw. ältere Ansichten existieren, die dort gerade KEINE Weinstöcke zeigen, wo um 1900 welche zu sehen sind.

Und über die Verbreitung von Wand-Reben auf den Dörfern kann nur spekuliert werden, weil hierzu noch weniger Darstellungen existieren. Es hätte für einen Fotografen um 1880 kaum Sinn gemacht, irgendwo in der Pampa in einem Dorf seine Foto-Apparatur aufzustellen und eine teure Silberjodid-Platte zu belichten, weil es kaum Abnehmer für ein solches Foto gegeben hätte!

Es bleibt also ein spannendes Thema, und vielleicht hat irgendwann mal jemand Kapazität, das weiter zu untersuchen. In Baalsdorf, auf unserem Betriebshof werden wir jedenfalls später alles präsentieren, was wir zum Thema gesammelt haben. Als Baustein des geplanten FassadenGrün-Museums!

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Weinstraße in Jessen / Elster / Sachsen-Anhalt
Straße mit beidseitigen Wein-Spalieren in Jessen / Elster / Sachsen-Anhalt, ca. 1920
Weinreben in Rosswein / Sachsen
Weinreben in Rosswein / Sachsen, ca. 1910
Weinreben in Geringswalde / Sachsen, ca. 1900
Weinreben in Geringswalde / Sachsen, ca. 1900
Straße mit vielen Reben in Wechselburg / Sachsen, ca. 1900
Straße mit vielen Reben in Wechselburg / Sachsen, ca. 1900
Weinstöcke in Bad Liebenwerda / Sachsen, ca. 1920
Weinstöcke in Bad Liebenwerda / Sachsen, ca. 1920
Reben in Belgern / Sachsen, ca. 1920
Reben in Belgern / Sachsen, ca. 1920
Hauswein in Frohburg / Sachsen, ca. 1900
Hauswein in Frohburg / Sachsen, ca. 1900