Blauregen - Neubewertung

In den letzten Monaten habe ich dieses Thema "durchgeknetet" und umgeformt. "Blauregen sind böse, lasst die Finger davon!" - so hätte man meine bisherige Botschaft interpretieren können, abgesehen von meinem Beitrag zu Riesa. Nun, ich hatte viel Bauschäden gesehen, durch Blauregen entstanden. Zugleich bekamen wir natürlich mit, dass nicht wenige unserer Kunden das bei uns gekaufte Rankmaterial auch und gerade für Blauregen nutzten...

Es gibt da so eine Sache in der Fassadenbegrünung, über die ich immer wieder gestolpert bin, ohne den Grund genauer unter die Lupe zu nehmen. Es sind die Südfassaden, und zwar jene, die wirklich unbeschattet und "heiß" sind. Optimal für Weinreben und auch noch Spalierobst, auch für Efeu, Wilden Wein und einige Andere, aber dort eine Pflanze mit Blüten vorzuschlagen, fiel uns stets schwer. Es ist aber so, dass genau das die Situation ist, wo Wisteria, also Blauregen zur Höchstform auflaufen können. Südfassaden mit unendlich viel Sonnenlicht, das ist das Beste, was einem Blauregen passieren kann! Zumindest, wenn die Wasserversorgung so halbwegs stimmt.

Blauregen können grüne Kraken werden, ja genau. Aber es sind gesunde Kraken. Ich habe eigentlich noch nie störende Insekten (Blattläuse!) oder Pilzkrankheiten (Mehltau!) an Blauregen gesehen. Frost- und Trockenschäden ja, aber ansonsten sind Blauregen gesund und robust. Das ist ein großes Plus, was in der Fassadenbegrünung genutzt werden sollte. Und ein Anlass, das Thema "Blauregen" nach 20 Jahren neu zu bewerten.

Blauregen standen in meiner Kletterpflanzenliste auf Platz 10. Dieser Platz im hinteren Mittelfeld war nicht direkt mit einer Empfehlung verknüpft, aber eine psychologische Wirkung hatte das gewiss, denn was weiter oben steht, wird mehr beachtet. Jetzt habe ich die Glyzinen / Blauregen auf Platz 3 gerückt. Und wo wir vorher nur 2 Typen im Sortiment hatten, sind es jetzt mehr als 10. Doch so ein Sortiment ist nicht von heute auf morgen "gestrickt", das dauert Stunden. In meinem Fall so ca. dreihundert, über acht Monate verteilt, weil ich es gern umfassend und perfekt mache. Ich begann im Herbst 2023 und suchte zunächst all meine Blauregen-Fotos der letzten 20 Jahre heraus. Die meisten zeigten gesundes, grünes Kraut, aber eher keine Blüten, weil die Blühzeit im Frühling kurz ist, währenddessen ich doch ständig, über das ganze Jahr verteilt fotografiere, wo immer ich herumkomme und Begrünungen sehe.

Nach dem Ordnen der Bilder hatte ich ca. einhundertfünfzig Standorte, die mehr oder weniger interessant schienen. Hauptsächlich in meiner Region, aber auch über ganz Deutschland verteilt. Ich extrahierte daraus mehrere Gebiete, wo ich die Wisterien in diesem Jahr zur Blühzeit besuchen wollte. Das betraf neben Leipzig vor allem Halle/Saale, Dresden, Wittenberg und Sangerhausen, weil es dort jeweils viele Exemplare an Hauswänden gab. An all diesen Orten war ich jetzt mindestens zwei Mal, zunächst zur Bestimmung der Blauregen-Arten, um dann daraus den voraussichtlichen Blühzeitpunkt für einen zweiten Besuch besser abschätzen zu können.

Was habe ich dann zu sehen bekommen? Natürlich viel Blütenfülle, aber auch allerhand "grünblühende" Exemplare. Fast immer standen diese an "absonnigen" bzw. an Nord-Wänden, fernab vom Sonnenlicht. Das Fazit: Ohne vollsonnigem Standort lohnt sich das Pflanzen einer Glyzinie nicht. Und ich sah auch das schnelle Verschwinden der Pracht, weil die Blüten blass oder schlaff wurden. Das Fazit hier: Mit Wassergaben zur Blühzeit ließe sich die Pracht wohl ein bißchen in die Länge strecken. Und auch der Wert der weißen Sorten ist mir jetzt stärker bewusst. Sie sind ein Bekenntnis für einen Farbton, der wirklich längere Zeit unverändert anhält und zugleich eine Absage an jede Form von prächtigem Lilablau, was doch nach wenigen Tagen oft nur noch verwaschen daher kommt.

Zwei englische Fachbücher halfen mir bei der Bestimmung der Glyzinien: "Wisterias" von Peter Valder (1995) und "Wisteria" von James Compton / Chris Lane (2019). Ohne diese reich bebilderten Diener hätte ich vor vielen Wisterien gestanden wie ein Blinder mit Filzbrille, gerade bei den unübersichtlich vielen W. floribunda-Sorten. Nun ja, gesehen hätte ich schon etwas, aber ich hätte keinerlei Begriffe darüber legen können. So aber war mein Blick "kalibriert". Nichtsdestotrotz konnte ich viele, auch besonders schöne Exemplare nicht eindeutig zuordnen, es gibt einfach zu viele Hybriden, Abarten usw..

In Dresden-Pillnitz erhielt ich Mitte April viele Infos von Harald Buner, der am staatlichen LfULG über mehrere Jahre die dortige Blauregen-Sichtung vom "Bundesarbeitskeris Gehölzsichtung" betreute. Die Wisterien dort stehen immer noch, öffentlich zugänglich, und wir bewunderten gemeinsam ihre in diesem Jahr viel zu frühe Pracht. Wir sprachen auch über die Blauregen am nahe gelegenen "Wasser-Palais", die im botanischen Führer als "Wisteria sinensis" gehandelt werden. Er wusste, dass das so nicht stimmte, und freute sich, dass auch mir längst aufgefallen war, dass dort zwei verschiedene Arten wachsen und niemand das bemerkt. Ich wiederum freute mich, dass er sich über meinen Blick freute...Und einen wichtigen Tipp bekam ich: Blauregentriebe waagerecht legen, dann klappt es viel schneller mit dem Blühen!

Wenige Tage später richtete ein deutschlandweiter, verheerender Nachtfrost in Pillnitz die ganze Blütenfülle zugrunde. An geschützten Hauswänden, dazu vielleicht noch einige Meter über dem Erdboden gab es im Raum Leipzig kaum Schäden, aber dort in Pillnitz bei den völlig frei stehenden Exemplaren unten im Elbtal ("Kaltluftsee") hatten die Blüten keine Chance. Auch das bleibt also ein Thema: Sortenwahl und Frostschutz bei Blauregen. Ich werde in den nächsten Jahren noch mehrere der sehr harten, so genannten "Amerikaner"-Sorten testen und ggf. ins Sortiment nehmen. Die Dinge sind im Fluß, es bleibt spannend!

« zurück

Blauregen in Überlingen / Baden-Württemberg

Monster mit Bauschäden: Dieser Blauregen hatte sich bei Sturm gelockert und drohte samt Rank-Stange abzufallen. Die Feuerwehr musste eingreifen....

Ein "handzahmer", streng erzogener Blauregen an einem Wohnhaus

So hoch - hier ca. 22 Meter - können Blauregen werden!

Blühende Wisterien am Wasser-Palais in Dresden-Pillnitz

Blühende Glyzinen am Rathaus Riesa / Sachsen